Presseartikel aus Die Welt vom 24.03.2006 .
 
Aktienhausse macht Mini-Börsengänge hoffähig
Immer mehr Kleinstunternehmen, Aktienclubs oder Internet-Anbieter streben aufs Parkett - Aktienboom und neues Segment Entry Standard ermutigen.
 
Berlin - Heute schon an IPO gedacht? Die aktuelle Börsenhausse macht fast alles möglich: Auch den kleinen Börsengang für den Finanzberater von nebenan, die Internetseite aus der Studentenbude, den örtlichen Aktienclub oder die Finanzpostille. Sogar das persönliche Depot scheint sich an den Markt bringen zu lassen, das ganze muß nur als Finanzinvestmentgesellschaft verpackt werden.
 
Dieser Eindruck drängt sich vielen Börsenbeobachtern derzeit auf, wenn sie das muntere Treiben im Freiverkehr betrachten, der seit Ende vergangenen Jahres Open Market heißt. Dieses nahezu unregulierte Börsensegment erlebt derzeit einen Emissionsboom ohnegleichen. Während der geregelte oder amtliche Markt zurückliegendes Jahr 17 Erstemissionen erlebte, sah der Open Market 40 IPOs. In diesem Jahr beträgt das Verhältnis eins zu elf. Damit ist der Open Market das mit Abstand dynamischste Segment.
 
Und dabei ist mehr als alles andere Phantasie gefragt. Denn die meisten Unternehmen sind noch echte Winzlinge mit wenigen Mitarbeiten und mikroskopischen Umsätzen. Macht aber nichts. Das schöne an der jetzigen Börsensituation ist nämlich, daß auch diese Unternehmen eine gute Chance haben, vom allgemeinen Aufwärtstrend mitgerissen zu werden und stolze Bewertungen zu bekommen. Besonders gefragt dabei sind Internet-Finanzportale wie Wallstreet Online. Das Unternehmen mit gerade einmal 42 Mitarbeitern hat eine Marktkapitalisierung von aktuell 42 Mio. Euro. Sprich: Jeder Kopf ist eine Million Euro wert. Gemessen am letztjährigen Umsatz von 1,5 Mio. Euro, wird jeder erlöste Euro mit dem 28-fachen auf dem Markt bezahlt.
 
Gut im Rennen liegen auch Finanzdienstleister. So hat die Schwester Wallstreet Online Capital, die Investmentfonds mit Rabatt verkauft, im vergangenen Jahr 650 000 Euro Umsatz gemacht und wird mit zehn Mio. Euro Börsenwert honoriert. Das dürfte noch längst nicht das Ende der Erfolgsgeschichte von Wallstreet Online und Wallstreet Online Capital sein. Denn bei beiden Aktien soll schon bald die nächste Kursrakete zünden.
 
 
Angestrebt ist eine Aufnahme in den Entry Standard, dem Nachfolgesegment des Neuen Marktes. Und wie damals zu Neuer-Markt-Zeiten folgt der Ankündigung des Aufstiegs in das Segment ein kräftiger Kursschub.
 
Dementsprechend können auch die Aktionäre eines weiteren originellen Titels auf dem Kurszettel auf eine Rallye hoffen. Denn die Shareholder Value AG soll angeblich am kommenden Montag den Wechsel in den Entry Standard ankündigen. Und das könnte den Aktienkurs, der sich seit 2003 bereits mehr als verdoppelt hat, weiter nach oben treiben.
 
Hinter dem Unternehmen versteckt sich ein ehemaliger Aktienclub, der Mitte der 80er Jahre gegründet wurde und 2001 an die Börse marschierte. Vor rund 20 Jahren gründete Günther Weisspfenning, zu diesem Zeitpunkt Direktor bei der einer großen deutschen Bank, den Anlegerclub "R 3000". Jeder der Gründer zahlte 3000 Mark ein, mit dem Ziel das Geld durch Aktieninvestments zu mehren. Das klappte ganz ordentlich. Nach eigenen Angaben wurden 32 000 Prozent Rendite wurde seitdem vom Club erwirtschaftet. Grund genug nach höheren Kapitalmarktweihen zu streben. Das Portfolio klingt banal aber erfolgverspreechend. Neben bodenständigen Investments wie Adolf Ahlers oder WMF mischt die Hessentruppe gern auch bei Squeeze Out Spekulationen mit und schafft sich durch ihre zähe Verhandlungstaktik dabei nicht immer nur Freunde. "Die kollabierenden deutschen Aktienmärkte waren natürlich nicht gerade das beste Umfeld für den Start in unser Börsenleben in 2001", sagt Weisspfenning. Nach Anfangsjahren in einem Büro mit Hinterhofflair in der Frankfurter Vorstadt können die Ex-Investmentcluber jetzt auf die Bankentürme blicken.
 
Otto-Normal-Anleger sollten dabei jedoch beachten, daß die Titel im Open Market sehr schwankungsfreudig sind und daß sie in wenig regulierte Unternehmen investieren. Auch wenn der Entry Standard höhere Transparenzanforderungen an die Unternehmen stellt, handelt es sich auch hier um hochspekulative Investments, die nur für erfahrene Anleger geeignet. Für viele Anleger dürfte es daher lukrativer sein, statt selber anzulegen und in weitgehend unbekannte kleine Titel zu investieren, mit ihrer Briefmarken- oder Münzsammlung selber an die Börse zu streben.